Auf der Neonatologie

Jetzt liegt schon wieder viel Zeit zwischen dem letzten Beitrag und heute.

Ich habe mich entschieden meine Persönliche Erfahrung zu teilen, denn als ich welche suchte bin ich kaum auf etwas vergleichbares im Netz gestoßen.

Meine Tochter ist jetzt bald 4 Monate alt und gesund und fröhlich. So begann das aber leider nicht.

Ich war mittlerweile 11 Tage über dem Geburtstermin. Wir begannen eine medikamentöse Einleitung und ich hatte viel Zeit zum Spazieren. Die Neonatalogie/Intensivstation für Früh- und Neogeborene liegt direkt neben dem Kreißsaal an der Straße. Mein Mann und ich saßen auf der Bank vor den Fenstern der Neonatologie und dachten an die armen kleinen Würmchen, die in ihren Brutkästen liegen und wussten noch nicht, dass unser kleines auch da liegen wird. 😦

Der vorzeitige Blasensprung mit grünem Fruchtwasser kündigte schon an, dass mit dem Baby etwas nicht in Ordnung sein könnte. Der nächste Kreißsaal war mein. Und durch Wehentropf war dann die Kleine innerhalb von 6 Stunden da. Das ist recht kurz, dafür aber sehr heftig. Danke Wehentropf… und danke PDA, ohne die ich mir das Ganze nicht hätte vorstellen können…

Kuscheln konnten wir für ca 2 Stunden. Es war Mitternacht und nun wussten wir schon, dass unser Mädchen Fieber und stark erhöhte Entzündungswerte im Blut hat. Eher untypisch für ein Neugeborenes und weist auf eine sogenannte Neugeborenen Infektion hin. Das ist die häufigste Neugeborenen Krankheit und doch so unbekannt.

Der Erreger hat den Weg von außen durch die Scheide in die Fruchtblase geschafft. Das kann passiert sein bei einer Untersuchung, beim Baden, auf der Toilette, beim Sex, nach dem Blasensprung… man weiß es nicht. Nur ca 20% Prozent der Fälle kann man aufklären.

Eine Neugeborenen Infektion ist tatsächlich lebensgefährlich für die Kleinen und muss so schnell wie möglich behandelt werden. Je mehr Zeit bis zur Therapie verstreicht, desto wahrscheinlicher sind irreparable Schäden oder eben noch schlimmer.

Wenn Erwachsene sich beispielsweise Bakterien einfangen, dann setzen die sich erstmal irgendwo fest. Unser Immunsystem sorgt nicht nur dafür, die Bakterien zu bekämpfen sondern hält sie auch an Ort und Stelle, damit sie sich nicht im ganzen Körper verteilen. Neugeborene haben noch kein Immunsystem und eine unbehandelte Infektion verteilt sich sehr wahrscheinlich schnell im ganzen Körper und die Babys sterben ziemlich gewiss an Organversagen. Innerhalb von Stunden kann sich die Situation ganz dramatisch drehen.

Durch Bluttest herauszufinden, welchen Erreger die Babys haben, würde zu lange dauern. Lieber viele falsche Medikamente sehr früh, als das richtige Medikament zu spät. Deshalb bekommen sie direkt ein Breitband Antibiotikum. Zwischenzeitlich hat unsere Kleine 5 Antibiotika gleichzeitig bekommen. 😦 Sie musste deshalb direkt zugefüttert werden, damit sie was im Magen hat. Die Muttermilch bildet sich nicht so schnell.

Jedenfalls musste unser liebes kleines Baby direkt auf die Intensivstation und leider nicht zu mir. Ich hing dann Tag und Nacht auf dem „Kuschelstuhl“. Und ging nur für einige Stunden zum Schlafen und Essen auf mein eigenes Zimmer. Die Neonatologie hatte meine Telefonnummer und rief mich immer an, falls ich grad mal nicht da war, aber die Kleine aufwachte und Hunger hatte. Tags und vor allem nachts.

Da ich gerade eine Geburt hinter mir hatte, war ich selbst Patientin und durfte 5 Tage auf der Gyn-Station bleiben, die fast direkt neben der Neonatologie war. Das war natürlich toll, wenn ich schnell mal aufs Zimmer wollte. Danach bekam ich ein Begleitzimmer, da ich stillende Mutter der Patientin war. Dies war leider in einem anderen Gebäudeteil des Krankenhauses. Ich hatte mal die Zeit gestoppt: 6 min zu meinem Baby. Das Zimmer war auch absurd. Sah aus wie ein Ruheraum zu einem Konferenzraum. (Mein Mann meinte später auch, dass nebenan Konferenzräume waren.. ) ich schlief auf einer Ausziehcouch und die musste ich (mein Mann) selbst beziehen. Sehr untypisches Zimmer in einem Krankenhaus jedenfalls…

Trotz Corona durfte mein Mann kommen und bleiben, wie er wollte. (Auf der Wöchnerinnenstation hätte er nur für 2 Stunden bleiben dürfen). Dann konnte ich mal ruhigen Gewissens schlafen, wenn er da war. Die Schwestern und Pfleger gucken natürlich nach den Babys, aber eines Morgens als ich wieder zu meinem bin, hatte die Kleine so sehr geschrien, dass ihr Puls schon bei 200 (konnte ich an der Maschine ablesen) und sie völlig verzweifelt war. Die Tür zum Zimmer war zu, also konnte sie auch niemand hören. Wie lange sie schon in der Situation war, weiß ich nicht. Deshalb bin ich nachts nur sehr ungern aus ihrem in mein Zimmer gegangen, aber musste auf die Pfleger vertrauen.

Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie oft sie nach mir verlangt hat und ich es nicht erfahren habe.

Am 2. Tag der Therapie bekam sie eine Atemhilfe und am dritten Tag dann eine Magensonde, weil es ihr nicht dolle besser ging. Sie hatte eine Flexüle an der Hand für die Medikamente, 3 Elektroden für das EKG und eine Elektrode am Fuß für die Sauerstoffsättigung. Durch die ganzen Kabel und Schläuche konnten wir sie auch nicht grad weit vom Bett entfernen (nur zum Kuschelstuhl) und das Kind wickeln und anziehen war eine Herausforderung.

Ständig ging das Kabel am Fuß ab, oder die anderen Elektroden haben sich verschoben und der Bildschirm schlug laut und schrill Alarm… manchmal konnte ich echt dieses Piepen nicht mehr hören und hab diese blöden Kabel oft genug verflucht. Positiv muss man erwähnen, dass unser Baby ziemlich geräuschresistent ist.

Nach 3 oder 4 Tagen ging es ihr dann deutlich besser. Die Therapie wird erstmal für 5 Tage festgelegt, dann gibt es ein Blutbild. Sind die Entzündungswerte gut, kann man direkt aufhören und das Kind bleibt für 1-2 Tage nur noch zur Beobachtung da. Ihr Blutbild war fast gut, aber nicht gut genug. In seltenen Fällen kann die Entzündung wieder komplett zurückkommen, deshalb wird weiter therapiert, auch wenn die Werte nur eine Spur zu hoch sind. Also noch 2 Tage drangehängt plus Beobachtungstag.

Alles was es zur Neugeborenen Infektion zu wissen gibt, hab ich mir ergooglet. Die Ärzte und Schwestern waren recht spärlich mit Informationen. Ich selbst habe auch nur so durch die Blume gefragt, wie schlimm es eigentlich steht. Und genauso kryptisch wie ich gefragt habe, kam dann auch eine Antwort. Die mich nicht klüger werden ließ.

Einmal sagte die diensthabende Kinderärztin zu mir ganz beiläufig. „Wenn sie (meine Tochter) nicht therapiert werden würde, würde sie wohl sterben.“ Wahnsinnig empathisch können die manchmal sein. Ich hab daraus gezogen, dass sie dann wohl scheinbar nicht sterben sondern gesund wird. Auch zu eventuellen Folgen hat mir niemand was gesagt, auch daher ging ich dann davon aus, dass es scheinbar keine Folgen geben und sie kerngesund wird. Ich habe mich einfach nicht überwinden können und konkret danach zu fragen. Dumm, aber so ging es mir.

Letztendlich war meine kleine Maus 8 Tage auf der Intensivstation. Das klingt nicht sehr lang, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Die ersten Tage haben mein Mann und ich Masken getragen (wegen Corona). Irgendwann hab ich dann heimlich die Maske immer runter geschoben, damit mein Kind mal mein Gesicht sieht. Sie war schon ein paar Tage auf der Welt und kannte Gesichter nur mit Maske. Am dritten Tag haben wir dann einfach die Maske ausgezogen und die Ärzte und Schwestern haben dazu nichts gesagt und danach haben wir die einfach ganz ungeniert weggelassen und nur aufgesetzt, wenn die Untersuchenden nah ran kamen. Ich bin so froh, dass die das toleriert haben, dass ich mein Kind mal küssen und an ihm schnuppern konnte.

Ich hatte viele schwache Momente und musste eigentlich jeden Tag an ihrem Bett weinen. Das ist einfach hart, sein liebes, unschuldiges Kind krank mit den ganzen Schläuchen zu sehen. Es kam nicht umhin, dass in einem solchen Moment dann einmal grad ne Schwester reinkam und mich tieftraurig antraf. Sie meinte dann: „Das sind die Hormone.“ Achso ja? Das fand ich so frech, dass ich mich auch jetzt immer noch drüber aufrege. Natürlich sind die Hormone total durcheinander. Aber stellt euch die Situation ein Jahr später vor. Mein Einjähriges Kind liegt auf der Intensivstaton, weil es sonst sterben könnte. ich sitz an ihrem Bett und weine. Und dann kommt jemand rein und sagt es sind die Hormone. Ich weiß ja nicht…

Jedenfalls fand ich die Zeit wirklich hart. Meine kleine hatte quasi ein 2Bett-Zimmer und hatte in ihrer kurzen Zeit dort 3 verschiedenen Zimmergenossen. Ich hab mich immer ganz ehrlich gefreut für die Familien, wenn sie die Station verlassen konnten. Man fühlt richtig mit. Zufälligerweise war der 2. Gast das Kind von einem Paar aus unserem Geburtsvorbereitungskurs. Das ist schon wirklich ein Zufall.
In der „Teeküche“, wo die Begleiteltern dann essen, habe ich eine Frühchenmama kennengelernt. Die war schon seit Wochen da. Und hoffte 2 Wochen später dann auch endlich gehen zu dürfen. Das Kind konnte noch nicht trinken und sie musste seit der Geburt alle paar Stunden Milchabpumpen, damit sie sich nicht zurück bildet. Auch nachts wird dann der Wecker zum Pumpen gestellt… Nachts aufstehen um sein Kind zu stillen ist wirklich was anderes als nachts aufwachen um zu Pumpen. Dagegen waren unsere 8 Tage auf der Station wirklich nichts.

Mit der Milch hatte ich auch etwas Probleme. Wahrscheinlich weil mein Baby eben nicht bei mir war. Das hat sich aber nach Wochen dann doch endlich eingependelt.

Ich hatte den Beitrag schon vor 2 Monaten begonnen, aber mir ging es noch zu nah. Auch jetzt merke ich noch, dass es brodelt und ich das noch nicht richtig verarbeitet habe.

Mein liebes Kind ist nächste Woche 4 Monate alt, kerngesund und entwickelt sich toll. Auch wenn die Zeit schwer war, bin ich sehr froh, dass wir die Neonatologie haben!