Bilanz der letzten KWs

Was ist hier schon wieder los?
Madame kommt nicht zu Potte und dümpelt wieder im eigenem Mus.

Theoretisch könnte ich auch einen alten Post recyceln, denn letztendlich passiert das ja immer wieder und ich komm immer zu den gleichen Schlüssen.

Aber ich mach mal einen Umriss der gegenwärtigen Umstände.

Positiv bleiben ist das Einzige was mir hilft um nicht komplett im Sumpf des Versagens abzutauchen.
Worte haben eine große Kraft und ich muss aufpassen, wie ich mich artikuliere, vor allem mir selbst gegenüber.
Ich neige dazu mich klein, dumm, unfähig und schwach zu machen. Ich mache das zwar mit Selbstironie, aber derart oft und fast immer, wenn ich über mich selbst rede, dass das mittlerweile schon sämtliche Ironie verloren hat und Realität geworden ist.

Hauptsächlich zieht mich mein Berufliches herunter. Und eigentlich ist es nicht mal das, sondern Menschen um mich herum, die meinen wissen zu müssen, wie es mir geht, weil sie denken, dass mich meine berufliche Situation herunter zieht. Und dadurch, zieht einem dann irgendwann wirklich die berufliche Situation herunter, weil das ja nicht gesellschaftsfähig ist, wie ich lebe.

Vorgeschichte: Die Uni hat mich damals ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich habe sehr lange studiert und war am Ende so ausgebrannt, dass ich ein Jahr lang nicht wusste, wohin es mit mir gehen soll. Ich konnte mir jedenfalls nicht vorstellen zu singen.
Ich war leider immer viel zu brav und habe auf alle guten Ratschläge gehört. Ich habe immer einfach gemacht, was von mir erwartet wurde. Auch nie mehr. Eigene Ideen und Wünsche habe ich gar nicht gelernt zu verfolgen, da ich immer auf die, die es besser wissen, vertraut habe (vor allem Lehrer und Dozenten dann später).
Gerade die Uni hat mich sehr sehr klein gemacht. Sie hat mir viel meiner Natürlichkeit genommen.
Ihr müsst verstehen, ein Gesangsstudium ist sehr speziell und intim. Ich hatte fast nur Einzelunterricht. Der Gesangslehrer ist schon fast ein Therapeut und weiß eigentlich immer, was gerade in deinem Leben los ist, denn jede Stimmung legt sich auf die Stimme (jedenfalls konnte ich das schwer trennen). Durch dieses uneingeschränkte Vertrauen, haben Gesangslehrer auch eine große Macht über dich. Intuition gegenüber der eigenen Stimme (welche Stücke zu früh, zu hoch, zu schwer, zu einfach,… sind. Oder mein eigenes Verhängnis: was habe ich überhaupt für eine Stimme? Alt oder Sopran?) wird einem aberkannt und über einen hinweg entschieden. Noch zu Musikschulzeiten hatte ich in einer Jazzband gesungen und wegen Wettberwerbe im klassischen Bereich bekam ich das Verbot mit der Band weiter aufzutreten (weil nicht alle Sänger das unterschiedliche Singen trennen können. Mir wurde abgesprochen, dass ich das kann). An der Uni organisierten Kommilitonen ein Projekt, in dem wir zum ersten mal szenisch auftreten konnten, meine Gesangslehrerin verbot mir die Teilnahme, weil es zu früh für mich war. (Ich war 20 und im 2. Semester).
An der Uni gab es ein Projekt mit dem „Skandal-Regisseur“ Calixto Bieito und manche Lehrer verboten die Teilnahme ihrer Studenten am Kurs, weil seine Inszenierungen eben skandalträchtig sind.
Man lernt an der Uni, dass man noch zu jung, zu früh, zu irgendwas ist. Selbstbewusstsein sein wird einem abtrainiert, dabei ist das so wichtig auf der Bühne.
Hier möchte ich erwähnen, dass die Lehrer natürlich wirklich nur im besten Interesse des Studenten handeln wollen. Ich ärger mich über mich selbst, denn es gehörte zu meiner Natur artig zu sein. Und ich ärgere mich über die Dozenten, die wie Übereltern alle Entscheidungen übernehmen und mich und auch andere nicht wirklich für den Beruf ausgebildet haben.

Was ich erfahren habe an der Uni, ist, dass all die Studenten, die sich damals hinweggesetzt haben, Gesprächsstoff der Lehrer/Studenten waren und eben nicht von ihnen gegängelt worden sind, jetzt erfolgreicher sind.
Sie haben immer auf ihr Bauchgefühl gehört und wenn sie vielleicht doch mal daneben lagen, konnten sie zumindest aus ihren eigenen Fehlern lernen.

Ich habe sehr spät gelernt auf mein Bauchgefühl zu hören.
Ich habe das Gefühl zum ersten Mal zu wissen, was mir gut tut und was ich gerade brauche um dahin zukommen, wo ich auch hin möchte. (wichtig: wo ich hin möchte. Und nicht wo andere mich sehen.)
Dennoch quatschen immernoch Leute rein und meinen es besser zu wissen oder wollen helfen.
Ich nehme mir gerade ganz bewusst eine Auszeit. Ich singe Projekte hier und da, habe mein festes Ensemble, das jede Woche auftritt und nehme Dinge an, die durch Kontakte entstanden sind. Ich gehe aber nicht zu Vorsingen oder anderen Auditions, weil ich einfach nicht so weit bin. Das ist aber OK. Mir nutzt es nichts eine Arie toll vorsingen, dann aber die ganze Rolle nicht durchstehen zu können um dann einen schlechten Eindruck zu hinterlassen und nie wieder gefragt zu werden.

Gerade lerne ich unter anderem diese Arie:

Das wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen. Ich muss noch ganz schön an meinem hohen C arbeiten, aber hey, ich habe ein hohes C… Ich bin jedenfalls sehr froh und spüre, dass grad ganz viele Knoten platzen. Das gibt mir also Recht!

Und jetzt kommt ganz viel Eigenlob für meine eigene Selbstwertschätzung: Ich habe eine außergewöhnlich Stimme, die einen großen Wiedererkennungswert besitzt. Ich habe eine große Stimme, die auch herausgehört wird, wenn ich in einem Ensemble oder Chor singe. Ich habe eine gefällige, warme Stimme.

Das sind meine Punkte. Die habe ich. Daran gibt’s nichts zu rütteln, die gab mir die Natur.
Was mir noch fehlt ist eine stabile Technik und die Ruhe und das Vertrauen vor schwierigen Phrasen. Das lerne ich gerade! Also ist doch eigentlich alles in Ordnung?

Ich möchte mir den Schuh nicht mehr anziehen, dass weil ich nicht sooo viel zu tun hab, es mir ja auch schlecht zu gehen hat.
Es ist selbstgewählt! Ich verdiene nicht so viel, weil es selbst gewählt ist. Das ist der Unterschied. Je mehr Zeit ich mir jetzt gebe, desto schneller bin ich am Ziel. Auch wenn alle anderen dagegen sprechen und meinen, ich sollte trotzdem vorsingen gehen und trotzdem blabla….

Fassen wir zusammen:
Ich habe einen beruflichen Fahrplan. Ich weiß, was ich erreichen möchte und wie ich es erreichen kann. (Das ist ziemlich toll!)
Meine Teilzeit-Tätigkeit ist selbst gewählt. Und dass ich trotzdem überlebensfähig bin, (wenn auch sehr knapp) ist doch ein gutes Zeichen.
Ich bin optimistisch. Ich glaube wirklich daran, dass ich erfolgreich sein kann.
Alle Hindernisse sind überwindbar. Es liegt tatsächlich in meiner Hand, dadurch ist es machbar!

Was hat das ganze mit meiner Abnahme zu tun?
Sehr viel. Mein beruflicher Zwischenzustand belastet mich ziemlich stark (vor allem in der letzten Zeit) und zieht mich dann doch herunter. Und in solchen Momenten, verliere ich Kraft und Lust für andere Dinge und flüchte ins Fressen.
Die Lage in meiner einzigen festen Tätigkeit ist gerade einfach zum Davonlaufen, weshalb ich sogar auch diese Tätigkeit ab Januar aufgebe.
Das ist sehr mutig von mir, aber es ist notwenig. Ich bange äußerst vor dem neuen Jahr, denn ich habe absolut keine Ahnung, wie es weiter geht. Aber ich werde es anpacken und nicht in ein Loch fallen.

Selbstmitleid schüttel ich also mal ab. Ich habe mehr zu bieten.

shana towa!

🍀🍀🍀🍀🍀🍀🍀

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2 Gedanken zu “Bilanz der letzten KWs

  1. Das Finden/Entwickeln der Stimme hat so viel mit der eigenen Person zu tu, das habe ich auch gemerkt, obwohl ich „nur“ auf Laienebene singe… Ich habe jahrelang in einem (großen) Chor gesungen, in dem die Leiterin einen extremen Druck gemacht hat – meine Stimme war wahnsinnig eng und ging gefühlt nur von Kehlkopf bis Stirn. Nach einem Chorwechsel zu einem Kammerchor 2011 habe ich mich frei gesungen und konnte vieles, was ich bei der alten Chorleiterin gehört/gelernt hatte, erst umsetzen. Körperwahrnehmung durch Feldenkrais kam dazu… und diese hammerharte Entwicklung, seinen eigenen Einschätzungen zu trauen bzw. zu wissen, ihnen trauen zu können. Im Chor/Ensemble diese Mischung aus Aufeinanderhören und Gehörtwerden, die Balance… Ich kann meine persönliche und meine stimmliche Entwicklung der letzten Jahre kaum voneinander trennen, da gab es so viel, wie sich beides gegenseitig beeinflusst hat.
    Mal eine Frage: Du bist doch in Berlin, oder? Ich würde Dich zu gern mal singen hören, gibt es da eine Chance? (Ich weiß ja nicht, wie weit es Dir recht ist, dass die Blogleser*innen ins Real Life schwappen.)

    Gefällt 1 Person

    1. Jaaaa! Sehe ich ganz genauso.
      Die Leiterin des Ensembles ist wahnsinnig unmusikalich und übt auch auf unterschiedlichen Ebenen einen enormen Druck auf die Sänger aus. Ich mache genau die gleiche Erfahrung wie du: Mein Hals es eng und den Kehlkopf klemm ich mir ab. Das ist auch ein wichtiger Grund warum ich gehe. Wenn ich das jede Woche mache, ist es kein Wunder dass ich so langsam voran komme…
      Ich schreibe dir eine Mail bezüglich des Real Lifes 😉
      (Deine Mail-Adresse kann ich bei der Admin-Seite für die Kommentare einsehen, falls du dich wunderst, wieso ich die habe)

      Gefällt 1 Person

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